Die Klimaziele können wir mit dem Auto auch mit optimalen Nutzungsszenarien nicht erreichen, ist Professor Alexander Asteroth überzeugt. Seiner Meinung nach müsse sich die individuelle Mobilität grundlegend ändern – und nicht nur das Klima würde profitieren … / von Elmedin Dizdar und Marcel Zobel

„Wir müssen weg vom Auto“, forderte Asteroth in der Ringvorlesung. Der Professor für Informatik, der zu effizienten Transportalternativen forscht, geht

Asteroth
Velomobile als Alternativen Im Straßenverkehr. Foto: Marcel Randazzo

mit gutem Beispiel voran: Er ist überwiegend mit seinem Velomobil* unterwegs und legt damit sogar weite Strecken zurücklegt. Fahrräder und Velomobile seien die Zukunft, und zusätzlich bräuchten wir eine intensivere Nutzung sowie Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs, sagte Asteroth. Selbst bei optimalen Nutzungsbedingungen sei ein Auto stark im Nachteil gegenüber Fahrrädern. Carsharing sei ebenfalls nutzlos, um die Klimaziele zu erreichen, da es keine Flächenbedarfsreduktion mit sich bringe, und autonomes Fahren verschärfe die Situation sogar noch, wenn man sich vorstelle, dass Einkäufe fahrerlos erledigt würden.

Transportsektor hinkt beim Klimaschutz hinterher

 „Warum müssen wir uns überhaupt mit Emissionen beschäftigen?“ Mit dieser Frage stieg Alexander Asteroth in seinen Vortrag ein. Er erinnerte an die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC), nach der sich die internationale Staatengemeinschaft dazu verpflichtet hat, das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten. Asteroth stellte klar, dass Deutschland von seinen CO2-Reduktionszielen weit entfernt sei: Bis 2020 sollten die CO2-Emmissionen im Vergleich mit 1990 um 40 Prozent gesenkt werden. Während in den Sektoren Energiewirtschaft und Haushalten die Emissionen deutlich zurückgegangen sind, wurde im Verkehrssektor kaum CO2 eingespart. Im Jahr 2007 ließ die Finanz- und Wirtschaftskrise die CO2-Emissionen im Transportsektor zwar sinken, aber seit 2014 steigen sie wieder wegen der steigenden Autoverkäufe.

Auch Elektroautos verfehlen das Ziel

Neue Erkenntnisse zum CO2 Ausstoß. Foto: Henry Hausmann

Das für die Mobilität gesetzte Ziel, auf das die Emissionen gesenkt werden müssen, liegt bei 25 Gramm CO2-Äquivalent pro Personenkilometer (CO2e). Die weitverbreiteten Autos mit Verbrennungsmotoren produzieren durchschnittlich 270 Gramm CO2e, zehnmal höher als das Ziel. Durch die Nutzung von Elektroautos, die im bestmöglichen Fall mit einhundert Prozent erneuerbaren Energien betrieben werden, werden ungefähr 60 Gramm CO2e produziert, das ist immer noch doppelt so viel wie angestrebt. „Wir erreichen das Ziel auch nicht mit Elektroautos“, resümierte Asteroth.

„Der ÖPNV ist nur ein Baustein der Lösung“

Busse haben ein großes Potenzial. Sie fahren durchschnittlich eine Million Kilometer und sind damit effizienter als PKW. Wenn für den Antrieb erneuerbaren Energien genutzt werden, kann das Ziel von 25 Gramm CO2e eingehalten werden. Der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPVN) zählt allerdings nicht zu der Individualmobilität und ist deshalb laut Asteroth nur ein Baustein der Lösung. Allerdings auch nur dann, „wenn Busse nicht mehr mit Verbrennungsmotoren fahren.“

Bewegung ist gesundheitsfördernd

In der Diskussionsrunde steht Herr Asteroth den Studenten Frage und Antwort. Foto: Johanna Schuh

Nicht nur die Umwelt leidet unter der heutigen Verkehrssituation, sondern auch die Gesundheit. „Bewegungsmangel wird als Hauptursache für Herz-Kreislauf-Erkrankungen angesehen und ist daher auch für hohe Gesundheitskosten verantwortlich“, sagte Asteroth. Die meisten Menschen würden sich vorzugsweise mit dem eigenen Auto fortbewegen oder den ÖPVN nutzen. Das hohe Verkehrsaufkommen wäre nicht nur für Geräuschbelästigungen und die Verschlechterung der Luftqualität verantwortlich, sondern habe auch einen negativen Einfluss auf die physische und mentale Gesundheit der Menschen. „Wer Fahrrad fährt, schont nicht nur Umwelt und Klima, sondern tut auch etwas für die eigene Gesundheit und die der anderen“, ist Asteroth überzeugt.

Effiziente Individualmobilität ist machbar

Durch die Nutzung von Fahrrädern, E-Bikes und muskelelektrischen Leichtfahrzeugen, sogenannten Velomobilen, könnten die CO2-Emissionen sofort und ohne jeglichen Ausbau der Infrastruktur auf unter zehn Prozent gesenkt werden. Fortbewegung mit Muskelkraft, auch mit Unterstützung eines Elektroantriebs, sei gesundheitsfördernd, individuell und teilweise langstreckentauglich. Es gelte nun, Fahrrädern mehr Raum zu geben, denn „der Straßenverkehr lässt aktuell keinen Platz für andere Verkehrsteilnehmer“.

* Ein Velomobil ist ein mit Muskelkraft betriebenes Fahrzeug, welches mit einer stromlinienförmigen Verkleidung ausgestattet ist, die vor Wind und Regen schützt. Velomobile werden in der Regel als Liegedreiräder entwickelt und weisen dank ihrer Bauweise einen geringeren Luftwiderstand als Fahrräder auf. Laut Asteroth, passe sogar der Inhalt eines ganzen Einkaufswagens in den Stauraum eines Velomobils.

 

Umfrage des Publikums während der Veranstaltung

Während der Veranstaltung wurden Umfragen mithilfe des Umfrage-Tools “Pingo” durchgeführt. Hier die Ergebnisse:

Screenshots und Umfrage: Noemi Kolloch

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