Bei der Auftaktveranstaltung der Ringvorlesung 2020 stehen der Klimawandel und die Frage, wie Wissenschaft helfen kann, im Mittelpunkt. Eine Wissenschaftlerin, ein Journalist und ein Student, der bei Fridays for Future aktiv ist, geben Antworten. Und appellieren zugleich an die Studierenden. // von Christopher Müller

Forschung ist ein wesentlicher Teil, um sich mit dem Klimawandel zu arrangieren (Foto: Pixabay)

Professorin Margit Geissler, Vizepräsidentin für Forschung und Wissenschaftlicher Nachwuchs der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und Schirmherrin der Ringvorlesung Technik-und Umweltethik 2020 begrüsst Studentinnen und Studenten sowie alle, die sich für die Ringvorlesung interessieren. Den Klimawandel hält die Wissenschaftlerin für unabwendbar. Deshalb müsse sich Forschung nicht nur mit der Bekämpfung des Klimawandels auseinandersetzen, sondern auch mit der Anpassung an die veränderten Bedingungen. Zu den wichtigsten Forschungsfeldern zählen ihrer Meinung nach Mobilität, die industrielle Produktion und die Nahrungsmittelerzeugung. „Forschen Sie“ appelliert die an die Studentinnen und Studenten. Die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg biete viele spannende Forschungsprojekte zum anknüpfen.

Zentrale Forschungsfelder sind Mobilität, Industrie und Nahrungsmittelerzeugung

“Grundsächlich kann der Klimawandel nicht abgewendet werden”, unterstreicht Margit Geissler. Zur Reduktion der klimaschädlichen Kohlendioxid-Emissionen seien Forschungsaktivitäten in drei Bereichen besonders hervorzuheben. Im Bereich Transport und Mobilität würden momentan noch überwiegend fossilen Energieträger genutzt, bei deren Verbrennung CO2 freigesetzt wird. Deshalb müsse sich die Forschung mit neuen Mobilitätskonzepten und alternativen Energien beschäftigen. Zum Themenfeld der industriellen Produktion stellt Margit Geißler die Frage: “Müssen wir tatsächlich so einen hohen Einsatz von Rohstoffen haben?” Insbesondere der Einsatz von fossilen Energieträgern könne und müsse reduziert werden. Zudem fordert sie Forschung zu neuen nachhaltigen Materialien. Im Bereich Nahrungsmittel sieht die Wissenschaftlerin den Schwerpunkt bei der Fleischproduktion. „Durchschnittlich werden sieben pflanzliche Kalorien für die Erzeugung einer tierischen Kalorie benötigt”, erläutert sie und spannt einen Bogen zur Gesundheit: „Wie kann eine gesunde menschliche Ernährung ohne hohen Fleischkonsum aussehen?” Hier seien neue Konzepte für die Nahrungsmittelproduktion gefragt, zum Beispiel könne Insektenprotein tierisches Protein ersetzen.

 

Hochschulinstitute TREE, IZNE und ZEV forschen zum Klimawandel

An der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg wird laut Margit Geißler auch zum Klimawandel geforscht. „Wenn wir die Forschungsthemen des Instituts für Technik, Ressourcenschonung und Energieeffizienz TREE mit den Handlungsfeldern für Klimaforschung abgleichen, sehen wir, dass an unserer Hochschule ein großes Spektrum abgebildet wird“, sagt sie. Als konkrete Projekte in TREE nennt sie „Effiziente Transportalternativen eta“ unter der Leitung von Professor Alexander Asteroth und „Biokunststoffe in den Medien Bikumedia“ unter der Leitung von Professorin Katharina Seuser. Bei eta werden effiziente Fahrzeuge und Mobilitätskonzepte sowie deren Akzeptanz erforscht, bei Bikumedia die journalistsiche Berichterstattung über Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen. Am Internationalen Zentrum für Nachhaltige Entwicklung IZNE werden ökonomische, ökologisch und soziale Forschungsfragen miteinander verknüpft. Einer der Forschungsschwerpunkte von IZNE sei „Veranwortungsvolles Wirtschaften und Natürliche Ressourcen“, bei dem sich die Forscher an den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen von 2015 orientieren. Auch das Zentrum für Nachhaltigkeit und Verantwortung forsche zum Klimawandel.

 

Der Weltklimarat IPPC hält Negativemissionen für notwendig

„Klimawandel – Ein Labyrinth von Wechselwirkungen“ – Wolfgang Wiedlich (Quelle: Pixabay)

Für den Journalist Wolfgang Wiedlich, der seit 1985 beim General-Anzeiger Bonn regelmäßig über den Klimawandel berichtet, wird die Dramatik des Klimawandels immer noch verkannt. So müssten sich aktuell Gesellschaft und Politik nicht nur mit Maßnahmen zur Verringerung der CO2-Emisionen auseinandersetzen, sondern auch mit dem Entzug von Klimagasen aus der Atmosphäre, so genannten Negativemissionen. Anders sei das Ziel des Weltklimarats IPPC, dass sich die Atmosphäre weniger als zwei Grad Celsius erwärmt, nicht mehr zu erreichen. Dies stehe auch „im Kleingedruckten“ der IPPC-Berichte, aber die „Reports“ für die Politik, über die auch die Medien berichteten, seien „weichgespült“. Negativemissionen seien über sogenanntes Climate Engineering, den Einsatz von Groß- und Speichertechnologie, möglich. Als Beispiel nannte Wolfgang Wiedlich die Speicherung von CO2, Carbon Capture and Storage oder abgekürzt CCS genannt – ein Thema, dass bereits in der Vergangenheit sehr kontrovers diskutiert wurde. „Wir müssen uns aufmachen, die Klimagase aus der Atmosphäre zu holen“, appellierte er an sein Auditorium.

Klimawandel wurde lange nicht ernst genommen

„Im Vergleich mit dem Corona-Virus, das potzblitz in die Welt kam, ist die Erwärmung der Atmosphäre eine Uraltthema“, erklärt der Journalist. Schon vor 40 Jahren hätten Wissenschaftler vor dem Klimawandel gewarnt, aber die Medien hätten sich sehr schwer damit getan. „Klimawandel hatte einen Hauch von Science Fiction, weil es keine unmittelbare Betroffenheit gab.“ Die Öffentlichkeit sei zudem durch die Berichterstattung von Journalisten irritiert worden. So sei zum Beispiel in den 80er Jahren vor Entschwefelungsanlagen gewarnt worden, mit denen die Luftverschmutzung und der saure Regen bekämpft werden sollte. Auch der Ausbruch des Vulkans Pinatubo, bei dem Millionen Tonnen von Schwefelaerosolen ausgestoßen wurden oder der Niedergang der Schwerindustrie in der Sowjetunion hätten dazu geführt, dass die Folgen des Klimawandels lange Zeit nicht messbar waren und dadurch aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwanden, erklärt Wiedlich.

 

„Menschen ticken linear“

In Zukunft könnte der Temperaturanstieg exponentiell erfolgen, so Wiedlich (Foto: Pixabay)

Abgesehen davon, dass der Klimawandel als “etwas Bizarres, Surreales“ wahrgenommen würde, spiele auch der Umgang des Menschen mit solchen Erkenntnissen eine wichtige Rolle. „Menschen ticken linear“, erklärt Wolfgang Wiedlich. Es werde angenommen, dass die Temperatur linear ansteige, wobei es sich tatsächlich um ein „Labyrinth von Wechselwirkungen, Nebenwirkungen und Fernwirkungen handelt, die wir uns nicht vorstellen können.” So sei es sehr wahrscheinlich, dass es nach einem zunächst linearen Anstieg der Temperatur plötzlich zu exponentiellem Wachstum komme. Wenn zum Beispiel die großen Permafrostgebiete auftauen, werden auf einen Schlag große Mengen von Klimagasen freigesetzt. Auf die Frage, warum die Staaten trotz dieser bedrohlichen Szenarios nicht reagierten, hat Wolfgang Wiedlich eine Erklärung: Der Mensch ändert sein Verhalten erst, wenn er die Früchte ernten kann. Sein Appell an die Studentinnen und Studenten ist sehr deutlich: „Bleiben Sie wachsam gegenüber dem, was Medien berichten”, denn es sei nicht mehr “5 vor 12”, sondern “5 nach 12”. Es gelte, ein wertvolles Gut zu bewahren: die klimatische Balance, in der die menschliche Zivilisation überleben kann.

Fridays For Future fordert mehr Klimaschutz von der Politik

Auch Christopher Weiß, Student der Informatik an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und Mitglied von FFF Bonn und von Students for Future findet, dass es dringenden Handlungsbedarf gibt. Das wichtigste Ziel von FFF sei die Einhaltung einer maximalen Erwärmung um 1,5 Grad im Vergleich mit dem vorindustriellen Zeitalter und dafür würde FFF protestieren. FFF sei international aktiv, aber dezentral organisiert. „Für Deutschland fordern wir Netto-0-Emissionen bis 2035, den Kohleausstieg bis 2030 und eine Energieversorgung aus 100 Prozent Erneuerbaren Energien bis 2035“, erklärt der Student. Als Sofortmaßnahmen werde ein Stop aller Subventionen für fossile Energieträger, die Abschaltung von einem Viertel der Kohle-Kraftwerke und eine faire Bepreisung von CO2-Emissionen gefordert. Ein fairer Preis seien laut Umweltbundesamt 180 Euro pro Tonne.

 

Wissenschaft und Hochschulen sollten Klimaschutz unterstützen

Fridays For Future – Eine Bewegung angestoßen von Greta Thunberg (Quelle: Pixabay)

Wissenschaft spielt laut FFF eine wichtige Rolle. „Die Wissenschaft kann zu allen Klimafragen forschen“, sagt Christopher Weiß, „dazu gehört auch Forschung für besseren Klimaschutz und zu den Folgen von Klimawandel.“ Die Hochschule soll laut Christopher ihre gesellschaftliche Verantwortung in Bezug auf den Klimawandel wahrnehmen. So können die Hochschule Vorbild sein, indem sie klimaneutral würde. „Klimathemen können in der Lehre aufgenommen werden und es könnten auch öffentliche Veranstaltungen für die Bevölkerung angeboten werden“,  fordert Christopher Weiß. Der Uni Bonn hat FFF Bonn einen entsprechenden Maßnahmenkatalog überreicht.

„Jeder kann etwas tun“

Obwohl FFF in erster Linie die Politik dazu bewegen möchte, mehr für das Klima zu tun, könne jeder etwas tun, ist Christopher Weiß überzeugt. So könne man sich informieren, mit anderen ins Gespräch kommen und Druck auf die eigene Hochschule und die Politik ausüben. Außerdem können jeder das eigenes Konsum- oder Mobilitätsverhalten anpassen. „Man muss nicht jedes Jahr ein neues Handy kaufen und es ist auch möglich, mit Bus und Bahn zu fahren“, sagt er. Auch ein Engagement in lokalen Initiativen sei sinnvoll, an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg zum Beispiel im Green Office.

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