Herangehensweisen für eine ethische Bewertung von Drohneneinsätzen aufzuzeigen – das war der Anspruch von Prof. Dr. Uwe Wiemken in seinem Vortrag am 18. April an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Dürfen Maschinen entscheiden, wann und wen sie töten? // Von Philipp Schwanbeck

15.5.2013 // “Gerade wenn es um ein Thema wie Ethik geht, wird man ein bisschen bescheidener.” Es gebe kein richtig oder falsch, jeder habe als Staatsbürger seine eigenen Maßstäbe und Wertvorstellungen. Mit diesen Gedanken eröffnete Prof. Dr. Uwe Wiemken seinen Vortrag “Automatisierung und technische Autonomie – ethische Aspekte eines Drohneneinsatzes”. Der ehemalige Leiter des Fraunhofer-Instituts für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen sprach im Rahmen der Ringvorlesung “Technik- und Umweltethik”.

Technologische Entwicklungen lösen traditionelles Kriegsbild auf

Das heutige Konfliktbild hat laut Wiemken mit dem traditionellen Kriegsbild nur noch wenig gemein. Konflikte sind unklar definiert, die Auseinandersetzung findet eher zwischen zwei Gruppen statt als zwischen zwei Staaten. Duellartige Kampfsituationen sind die Ausnahme, es wird zunehmend aus der Ferne operiert. Hierfür werden Drohnen eingesetzt. Sie sind in der Lage, durch fortschreitende Automatisierung anonym zu kämpfen.

Drohnen erster Stufe

Beispiele hierfür sind fliegende Systeme wie “Predator”, eine Aufklärungsdrohne der US Air Force, oder Cruise Missiles im Irak-Krieg, die GPS-gestützt autonom von A nach B fliegen. Am Ziel angekommen, übernimmt ein Mensch die Fernsteuerung. “Das ist ethisch und psychologisch eine ganz problematische Situation”, sagte Wiemken. So habe Claude Eatherly, ein Pilot des Hiroshima-Abwurfs, nie verkraftet, mit einem anonymen Knopfdruck 70.000 Menschen ausgelöscht zu haben.

Eine positive Identifizierung von Menschen ist noch freiwillig

Komplexere Drohnen zweiter Stufe sind in der Lage, Signaturen einzubeziehen, ähnlich wie bei einem Barcode. Militärisch können sich Objekte so als Freund oder Feind ausweisen. Dieses Prinzip lässt sich auf den Menschen ausweiten, so Wiemken in seinem Vortrag. Hierzu dienen RFID-Chips unter der Haut. RFID-Chips speichern auf der Größe eines Reiskorns Informationen, die sich auslesen lassen. Sie sind bereits Realität, beispielsweise beim berührungslosen Zahlen in der Disco.

Wohin das führen kann, erläuterte der Experte für Technikfolgen anhand eines Gedankenexperiments: Setzt sich die aktuelle Terrorismus-Wahrnehmung fort, wäre es denkbar, jedes Neugeborene als Angehöriges einer bestimmten Gemeinschaft durch RFID-s positiv zu identifizieren. “Jeder, der diese positive Kennung nicht hat, wäre dann zunächst einmal verdächtig”, sagte Wiemken.

Wer ist verantwortlich, wenn Technik zunehmend autonom handelt?

Zentraler ethischer Klärungsbedarf für eine demokratische Gesellschaft besteht laut Wiemken bei der Frage, ab wann autonome Technik menschliche Entscheidungen ersetzen darf: “Wollen wir Entscheidungen einem technisch autonomen System überlassen oder schalten wir immer einen Menschen ein, der das tatsächlich auch verantwortet? Wer unter dem Strich zuverlässiger ist: Mensch oder Maschine?”, fragte Wiemken.

Kommt bei einem Drohneneinsatz ein Mensch ums Leben, wird das als so genannter ein Kollateralschaden bezeichnet. Kollateralschäden seien bei autonomen Waffensystemen, die sich natürlich auch irren können, unabwendbar, so Wiemken. Umso verwerflicher sei es, dass es gerade hier an umfassenden ethischen Überlegungen mangelt: “Da drückt sich Amerika im Moment drum herum, das finde ich sehr bedenklich”.

Resümierend betonte Wiemken, dass diese Fragestellungen nicht nur militärisch relevant sind, sondern auch das Gemeinwesen betreffen. Bei der ethischen Bewertung von Technik gehe es darum, innere und äußere Sicherheit zu gewährleisten, damit sich jeder in unserer offenen Gesellschaft frei entfalten könne. Der Honorarprofessor der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg plädierte für einen bewussten gesellschaftlichen Prozess, um am Ende nicht ethisch fremdbestimmt zu sein.

Fraunhofer-Institut für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen INT in Euskirchen

Interview mit Prof. Dr. Uwe Wiemken auf technikjournal.de

 
 

Philipp Schwanbeck // Bildergalerie: Ahmed Ouerghi // Porträt: Jochen Rumpf

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