Wer Zukunftstechnologien entwickelt, muss Verantwortung für Mensch und Umwelt übernehmen, fordert Professorin Carmen Leicht-Scholten. Sie zeigte auf, wie dies bereits in der Ausbildung gefördert werden kann und betonte, dass Ingenieur/-innen und Technikjournalist/-innen gleichermaßen eine wichtige Rolle innehaben. // von Niklas Broichhagen

Rund 80 Studierende aus Technikjournalismus und Ingenieurwissenschaften besuchten die Ringvorlesung. Foto: T. Zbroja

„Welche Verantwortung haben Ingenieurinnen und Ingenieure?“ Mit dieser Frage stieg Carmen Leicht-Scholten in ihren Vortrag über soziale Verantwortung in den Technikwissenschaften ein.  „Technik muss der Gesellschaft dienen“, antwortete ein Student und ein anderer ergänzte: „Auch Journalisten sind verantwortlich, teilweise wird über Technik falsch oder emotional berichtet.“ Für Leicht-Scholten, Inhaberin der Brückenprofessur für Gender und Diversity in den Ingenieurwissenschaften an der RWTH, treffen beide Statements 100prozentig zu.

Forschung nur mit Diskurs

Um verantwortungsvolle Forschung und Entwicklung zu ermöglichen, hält Leicht-Scholten einen interdisziplinären Austausch für essenziell. Soziale Verantwortung sei kein Thema, das sich alleine mit ingenieurswissenschaftlichen Kenntnissen lösen ließe. Gerade in Hinblick auf aktuelle globale Herausforderungen wie den Klimawandel, Ressourcenknappheit oder Globalisierung sei es daher unabdingbar, dass verschiedene Berufsgruppen zusammenarbeiten. „Nur durch die Verbindung mit Erkenntnissen anderer Disziplinen kann man soziale, ökologische und ethische Dimensionen ausreichend berücksichtigen”, erklärte sie. Das läge daran, dass Entwicklungen in der Biologie, der Medizin oder der Technik nicht nur ihr eigenes Gebiet beeinflussen, sondern weitreichende Auswirkungen auf gesellschaftliche Prozesse haben können. Das sei nicht nur für Ingenieur/innen wichtig, sondern auch für Kommunikationsfachleute: „Technikjournalisten müssen Technik vermitteln und diskutieren. Dabei ist es wichtig, dass sie transparent agieren und die richtigen Fragen stellen.“

Leicht-Scholten forderte, dass auch die Ingenieurwissenschaften im Ethikrat vertreten sind. Foto: Patrick Overkamp

Rahmenbedingungen für Ethik

Als Beispiel für eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe nannte Leicht-Scholten den Deutschen Ethikrat. Ziel des Rates ist es, Politik und Öffentlichkeit über mögliche Folgen von Entwicklungen aufzuklären. Seine 26 Mitglieder werden je zur Hälfte vom Bundestag und von der Bundesregierung vorgeschlagen und stammen aus den verschiedensten Fachgebieten wie Medizin, Philosophie und Jura. Ingenieure sind im Deutschen Ethikrat nicht vertreten, kritisierte Leicht-Scholten. Grundsätzlich seien die Rahmenbedingungen für den ethischen Diskurs jedoch gegeben. Eine wichtige Orientierung seien die ethischen Grundsätze des Verbandes Deutscher Ingenieure VDI. Nach ihnen sollten Ingenieur/innen nachhaltig, moralisch verantwortlich und zukunftsorientiert handeln.

Horizon 2020

Dass das Prinzip sozialer Verantwortung bereits in der Forschungsförderung fest verankert ist, erläuterte Leicht-Scholten am Beispiel von ‚Responsible Research and Innovation‘, RRI. Als Teil der Forschungs- und Innovationsförderung Horizon 2020 der Europäischen Union sei die Leitlinie RRI ein weiterer Rahmen, der die interdisziplinäre Kommunikation fördere. Ziel der EU ist es, Akteure aus Forschung, Politik und Wirtschaft zusammenzuführen, um Innovationen schon während der Entwicklung auf die Werte und Bedürfnisse der Gesellschaft anzupassen. „Neue Regelwerke braucht der Ingenieursberuf also nicht“, sagte Leicht-Scholten. Schon jetzt sei klar ersichtlich, dass sich alle Beteiligten bereits im Forschungs- und Entwicklungsprozess Gedanken über die Folgen neuer Technologie machen müssten.

Im Anschluss an den Vortrag diskutierten Studierende mit Dozentinnen und Stephan Eder von den VDI Nachrichten. Foto: Patrick Overkamp

Die Zukunft der Ingenieursausbildung

Um die Herausforderungen von morgen zu meistern, müsse man die Ingenieursausbildung zukunftsorientiert gestalten, sagte Leicht-Scholten. Nur durch Berücksichtigung der sozialwissenschaftlichen Perspektive, die auch die nicht-technischen Aspekte einer Entwicklung in den Vordergrund stellen, sei ein ganzheitlicher Blick auf Technik möglich. Dazu zählt Leicht-Scholten Konzepte der Gender- und Diversity-Studies und nannte die RWTH Aachen  als Beispiel: Hier werden ingenieurs- und naturwissenschaftlichen Disziplinen mit ethischer Reflexion und einem Fokus auf Perspektivenvielfalt verknüpft. Als Beispiel für einen ganzheitlichen Ansatz nannte Leicht-Scholten auch „Ingenieure ohne Grenzen“. Die Hilfsorganisation setzt sich weltweit für eine nachhaltige Verbesserung der Lebensbedingungen ein. Laut Leicht-Scholten sei eine Gesamtsicht aber nicht nur für Ingenieur/innen, sondern auch für Journalist/innen erstrebenswert. „Auch die verantwortungsvolle Kommunikation von technischen Themen ist wichtig“, hob die Professorin hervor.

Nils Schwung, Student des Studiengangs Maschinenbau, misst der Verantwortung von Ingenieuren und Ingenieurinnen große Bedeutung bei. Foto: Patrick Overkamp

„Wir brauchen die Besten für Wissenschaft, Entwicklung und Kommunikation“

Leicht-Scholten erklärte, dass es im internationalen Vergleich deutliche Unterschiede in der Ausbildung gebe. „Unterschiedliche Kulturen in Technikwissenschaften und Bildungssystemen führen zu unterschiedlichen Perspektiven”, bemerkte die Professorin. So zum Beispiel im Vergleich zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten. Hierzulande verlange die technikwissenschaftliche Ausbildung schon früh eine Spezialisierung, den sogenannten „I-Shaped-Engineer“. Anders in den USA, wo Ingenieure zu Beginn ihres Studiums zunächst natur- und geisteswissenschaftliche Fächer belegen und sich erst im Hauptstudium auf die Technikfächer fokussieren. Das habe laut Leicht-Scholten eine breiter gefächerte Sichtweise zur Folge, weswegen man vom sogenannten „T-Shaped-Engineer“ spreche. Aufgrund dieser Unterschiede sei nicht nur ein interdisziplinärer, sondern auch ein internationaler Dialog von großer Bedeutung. Das Ziel einer guten Ausbildung steht für Leicht-Scholten fest: „Wir brauchen die Besten für Wissenschaft, Entwicklung und Kommunikation.“

Nachfolgend einige Meinungen der Studierenden:
Weiterführende Links zum Thema:

https://www.csr-news.net/news/2013/10/11/die-verantwortung-der-ingenieure-und-techniker/
(Corporate Social Responsibility) CSR-News. Diese Seite ist ein Projekt der Unternehmen – Verantwortung – Gesellschaft e.V. Der Verein will das Thema CSR in der Gesellschaft stärken. Auf der Seite CSR-News findet man Artikel zu verschiedenen CSR Themen. Der Artikel selbst beschäftigt sich mit der Frage ob Ingenieure für die Auswirkung ihrer Technologie verantwortlich sind.

https://ingenieure-ohne-grenzen.org/de/projekte/bgd-iog03
Der Link führt zu der Seite Ingenieure ohne Grenzen. Auf dieser Seite findet man Informationen zu verschiedenen Projekten der Ingenieure ohne Grenzen. Der Link führt zu einem Projekt in Bangladesch. Bei diesem Projekt wollen die Ingenieure ohne Grenzen 33 Grundschulen mithilfe von Fotovoltaikanlagen elektrisch versorgen.

https://www.epo.de/index.php?option=com_content&view=article&id=14741:csr-konsens-germanwatch-unterstuetzt-schritt-zu-mehr-unternehmerischer-verantwortung&catid=46&Itemid=115
Entwicklungspolitik Online ist ein Webportal zur internationalen Zusammenarbeit im deutschsprachigen Raum. Sie befassen sich mit Nachrichten und Hintergrundberichten zu entwicklungs- und umweltpolitischen Themen. Der Artikel dreht sich um den Berliner Konsens zu Corporate Social Responsibility. Welcher vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde.

https://www.frankfurt-main.ihk.de/csr/vorstellung/
Dieser Link führt zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main.
Der Artikel erklärt nochmal, was Corporate Social Responsibility ist und wie es ins Leben gerufen wurde.

http://www.csr-in-deutschland.de/DE/CSR-Preis/csr-preis.html
CSR-Preis: Zeigt die Wertschätzung der Bundesregierung an verschiedene Unternehmen die sich der sozialen Verantwortung bewusst sind.

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