Studierende leiden besonders unter Corona – das wird in Fachkreisen nicht bezweifelt. Psychologieprofessorin Heike Buhl erklärt Ursachen und zeigt anhand wissenschaftlicher Theorien, wie Lehrende, Hochschulen und Studierenden die Situation verbessern können. // von Ayda Sagheb Tehrani

Im Vortrag „Die psychischen Folgen der Corona-Krise im Kontext der Hochschule“ legt Heike Buhl, Professorin für pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie unter Berücksichtigung der Geschlechterforschung an der Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Paderborn, den Fokus auf die Studentinnen und Studenten. „Das Wichtigste ist es, einzuordnen, warum die Corona Situation so problematisch ist“, sagt Buhl und stellt die Frage: „Warum deprimieren uns die schwarzen Kacheln bei digitalen Vorlesungen?“ Hier fehle es an der sozialen Interaktion, die für Anerkennung, das Gefühl von Kompetenz und die eigene Motivation wichtig sei. Selbstorganisiertes Lernen sei in der Corona-Pandemie noch wichtiger geworden wie zuvor. Damit das gelinge, müsse sich viel verändern. Buhl apelliert an die Studierenden: „Gestalten Sie das Lernumfeld mit, arbeiten Sie gemeinsam mit den Lehrenden an neuen Strukturen!“ 

Junge Menschen sind am meisten belastet

Digitale Lehre stand im Vordergrund. Quelle: Pexels

Umfragen zeigen laut Buhl, dass jüngere Menschen sich stärker belastet fühlen als ältere. Bei solchen Studien würde das Erleben von Belastungen mit Fragen nach dem Erleben von Wohlbefinden, Angst, Stress und Depression abgefragt. Dabei müsse man bedenken, dass es sich nicht bei jedem Gefühl von Deprimiertheit um eine Depression handele. Eine Umfrage aus Spanien aus dem ersten Lockdown 2020 zeige, dass Depressionen, Angst und Stress jeweils in den Gruppen der 18- bis 30-Jährigen am höchsten ausgeprägt waren. Zudem seien Frauen stärker betroffen als Männer.

 

Studienzeit ist eine schwierige Lebensphase

Doch warum sind junge Menschen stärker betroffen als ältere? Das liege daran, dass sich junge Menschen in einer schwierigen Lebensphase befänden, sagt Buhl. Eine Umfrage während des Vortrags zeigt, dass sich nur 27 Prozent als Erwachsene fühlen, 63 Prozent fühlen sich ein bisschen als Jugendliche und ein bisschen als Erwachsene. In dieser Lebensphase ist es die Herausforderung, bestimmte Entwicklungsaufgaben zu bewältigen, wie zum Beispiel finanziell auf eigenen Füßen zu stehen und aus dem Elternhaus auszuziehen. Durch die Corona-Einschränkungen sei dies erschwert.

Das Gefühl der Belastung nimmt zu

Um zu erklären, was im Studium als belastend wahrgenommen wird, zeigt Buhl die Ergebnisse eine Studie der Uni Paderborn, bei der über 1000 Studierende befragt wurden. 66 Prozent fühlten sich belastet oder überlastet. Als Gründe wurden zu viele Aufgaben, schlechte Kontaktmöglichkeiten und Unsicherheiten bei den Prüfungen genannt. Als negative Folgen der Belastungen wurden Stress, körperliche Beschwerden, Einsamkeit und Zweifel am Studium angegeben. In einer weiteren Umfrage während des Vortrags bittet Buhl die Studierenden anzugeben, wie sie ihre aktuelle Belastung im Vergleich mit dem Sommersemester 2020 einschätzen. Drei Prozent fühlen sich weniger belastet, 13 Prozent gleichermaßen und 36 Prozent stärker belastet als 2020. „Das ist zwar ein sehr trauriges Ergebnis, aber es passt zur Literatur“, kommentiert Buhl. Zum einen liege das daran, dass sich die Gesamtbevölkerung stärker belastet fühle, zum anderen an dem Mehr an Aufgaben.

Selbstbestimmungstheorie liefert Erklärungen

Selbständiges Lernen wurde zum Alltag der Studierenden. Quelle: Pexels

Bislang gibt es laut Buhl viele Beschreibungen der Situation, aber wenig wissenschaftlich abgesicherte Zusammenhänge. „Theorien ermöglichen es uns, die Praxis besser zu verstehen“, ist Buhl überzeugt und erklärt die Selbstbestimmungstheorie. Nach ihr würde der Mensch soziale Eingebundenheit, Kompetenz und Autonomie benötigen, um ein erfülltes, selbstbestimmtes Leben zu führen. Daraus leitet Buhl intrinsische Motivation ab: „ Ich mache etwas gern, wenn ich sozial eingebunden bin, ich mich kompetent fühlen kann und ist selbst bestimmen kann, welche Ziele ich verfolge.“ Durch Corona würden Grundbedürfnisse nicht erfüllt, beispielsweise kann Kompetenz nicht erlebt werden, weil der Austausch fehle.

Selbstorganisiertes Lernen ist wichtig, aber schwierig

Selbstorganisiertes Lernen, bei dem Lernende bestimmen, ob, was, wann, wie und woraufhin sie lernen, ist Buhl zufolge wichtig, aber stellt hohe Anforderungen an die Studierenden. Untersuchungen haben gezeigt, dass Studierende, die ihr Lernen selbst organisieren können, weniger unter den Corona-Bedingungen leiden. Das setzt aber Planung und Selbstdisziplin voraus. „Wenn Sie jetzt den ganzen Tag zur Verfügung haben, müssen Sie ihn selbst strukturieren.“ Da stelle sich schon die Frage, ob man am Zoom-Meeting um 8.00 Uhr teilnehme oder doch lieber ausschlafe.

Synchrone und asynchrone Lehre verbinden

Doch wie sieht die Zeit nach Corona aus? Möchten die Studenten die Elemente der Online-Lehre auch in Zukunft beibehalten? Auch hier startet Buhl eine Umfrage während ihrer Präsentation. 92 Prozent der Teilnehmenden wollen digitale Lehre beibehalten, nur acht Prozent nicht. „Ich freue mich, dass so viele Studierende positive Aspekte der Online-Lehre sehen“, kommentiert Buhl das Ergebnis. 45 Prozent sprechen sich für asynchrone Vorlesungen sowie 42 Prozent für semesterbegleitende Aufgaben in Lernumgebungen aus. 57 Prozent möchten Abwechslung von synchronen und asynchronen Elementen. Zudem wünschen sich 26 Prozent der Studierende längere Selbstlernphasen.

Digitale Prüfungen haben Nachteile

Die Belastung der Studierenden stieg durch Corona. Quelle: Pexels

Nach der Präsentation wirft ein Student die Frage auf, wie Online-Prüfungen künftig für die Studierenden stressfreier organisiert werden könnten. Buhl ist der Meinung, dass sich die Studierenden sehr wahrscheinlich in einem bestimmten Maß an digitale Prüfungen gewöhnen würden und zudem könnte man Räume für Prüfungen zur Verfügung stellen. Dennoch sieht sie mehr Nachteile als Vorteile in digitalen Prüfungen. Ein Grund, der beispielsweise gegen digitale Prüfungen sprechen würde, sei die Zunahme von Betrug bei Online-Prüfungen. Das würde die Prüfung in Frage stellen und zudem die Studierenden benachteiligen, die sich an die Regeln halten würden.

Links:

 

Die gesamte Vorlesung gibt es hier zu sehen:

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