Digitale Medien ermöglichen Freiheit im Guten wie im Schlechten, sprengen alle Grenzen und scheinen unbeherrschbar zu sein. Mit dem Vortrag „Ent-Grenzte Kommunikation: Von der Freiheit, Ohnmacht und der Sehnsucht nach Unverfügbarkeit“ eröffnete die Soziologin Elke Hemminger die Ringvorlesung 2022. // von Lukas Lenz

„Man kann nicht nicht kommunizieren“. Mit diesem Zitat von Paul Watzlawick stieg Professorin Elke Hemminger in ihren Vortrag ein. In der heutigen Zeit der scheinbar grenzenlosen Erreichbarkeit und der „fear of missing out“ ist der Spruch von 1969 so aktuell wie eh und je. Wir können nicht verhindern zu kommunizieren, wir müssen immer erreichbar sein. Das fällt vor allem auf, wenn man zum Beispiel auf Instagram einen Blick in die Kommentarsektion von diversen Nachrichtenkanälen wirft. Eine Vielzahl von Menschen fühlen sich aufgerufen, ihre Meinung zu präsentieren. Dabei überschreiten sie verschiedenste Grenzen.

Die Klärung von Begriffen hält Hemminger für elementar. Sie kritisierte den Begriff der Digitalisierung, der inflationär verwendet wird. Für die Soziologin bedeutet er die Umwandlung von analogen in digitale Daten und die Bereitstellung der notwendigen Infrastruktur. Eigentlich sei aber etwas ganz anders wichtig, nämlich der Einfluss auf die Gesellschaft. „Digitalisierung klingt nach einem Prozess, der immer fortschreitet und auf den wir keinen Einfluss haben. Dabei sind wir die treibende Kraft“, sagte sie und forderte: „Wir müssen uns mit der Kultur der Digitalität auseinandersetzen.“

 

 

„Technik-Fatalismus ist keine Lösung“

Die Studierenden sind zahlreich zur ersten Ringvorlesung 2022 erschienen. Bild: Jonas Weiler

Das Netz schläft nie und deshalb überschreite es räumliche und zeitliche Grenzen. Es sei völlig egal, wo man sich befinde, man könne jederzeit an einer Diskussion teilhaben und seine Meinung kundtun. Und egal, wann man schläft, nach dem Aufwachen ist die Diskussion im Netz weitergegangen. Es sei kein Ende, keine Grenze in Sicht. Zusätzlich werden soziale Grenzen überschritten. Wenn zum Beispiel jemand einen intimen Moment in einem sozialen Netzwerk teilt, sei die Hemmschwelle, oder auch Grenze, etwas Asoziales zu kommentieren, viel niedriger, als im analogen Gespräch. Um so wichtiger sei es, diesen Raum aktiv mitzugestalten. „Technik-Fatalismus ist keine Lösung“, unterstrich Hemminger.

Lösungen für den „cultural lag“

Gute Stimmung fehlt bei Frau Hemminger nicht. Bild: Jonas Weiler

„Wir wissen scheinbar nicht so richtig mit dieser neuen Technologie umzugehen und sie für uns, statt gegen uns einzusetzen“, sagte Hemminger und bezeichnet diesen Konflikt als „cultural lag“. Die gesellschaftliche Entwicklung sei deutlich langsamer als der technologische Fortschritt. Um dem entgegenzuwirken warf sie einen Gedanken in den Raum und ließ ihn kurz wirken: „Ist es denn wirklich so schlimm, wenn wir nicht alles mitmachen, was das Silicon Valley uns aufdrängt?“

Social Media sorgt auch für Freude und Sicherheit

Die Informationsflut kann ganz schön „mindblowing“ sein, sagte Hemminger. Doch irgendwie explodiere das Hirn gar nicht. „Wir passen uns immer an und machen weiter“, erklärte sie. Es scheint nämlich nicht alles schlecht zu sein, was mit und in diesen digitalen, sozialen Räumen geschieht. „Das, was uns manchmal überfordert, hat uns in der Pandemie verbunden“, sagte die Professorin. Freunden zu schreiben, zu telefonieren oder sogar zu videochatten hat besonders im Lockdown bei vielen für Freude und ein Gefühl von sozialer Sicherheit gesorgt.

Tipp für Digital Detox

Die Studierenden haben viele spannende Fragen vorbereitet. Bild: Evelyn-Sophie Strauch

Im Anschluss an den Vortrag stellten die Studierenden Fragen. Das Publikum schien so interessiert am Thema Kommunikation zu sein, dass Fragen aus allen erdenklichen Themengebieten aufkamen. So musste Hemminger klarstellen, dass sie keine medizinischen, ethischen oder juristischen Ffragen beantworten könne: „Ich bin keine Ärztin, Ethikerin oder Juristin“. Antworten zu ihrem Fachgebit blieb sie nicht schuldig und sie gab auch persönliche Tipps: Wenn sie sich selbst eine Auszeit von der ständigen Verfügbarkeit gönnen möchte, geht sie einer Tätigkeit nach, bei der man gar nicht die Möglichkeit hat, ein Smartphone oder Ähnliches in der Hand zu haben. Zum Beispiel Tennis. Dann kann man nämlich einmal nicht kommunizieren. Zumindest nicht mit der digitalen Welt.

 

 

Interessante Links:

  • https://www.youtube.com/watch?v=uPFnCfVqRHI
    (Wie Elon Musk unser Gehirn aufrüsten will feat. kurzgesagt) – Gerade im Bezug auf Hemmingers Bedenken, hinsichtlich der technischen Entwicklung und unserer Nutzung, interessant. Es geht um Neuralink und das berühmte Hirnimplantat, dass uns Menschen jederzeit mit dem Internet verbinden soll. Zugänglich wären zum Beispiel Fremdsprachen auf Knopfdruck, bzw. per Gedanke. Aber als Denkanstoß: Wir könnten den Chip nicht kurz beiseitelegen und die digitale Welt ignorieren. Sie wäre dann Teil von uns.
  • https://www.youtube.com/watch?v=JeIjvCSuO0U
    (Drachenlord vs. Hater – wenn Cyber-Mobbing Realität wird) – Die Mobbing-Geschichte von „Drachenlord“ (Rainer Winkler – YouTuber) begann online und anonym. Doch nach und nach verschlimmerte sich die Situation. Irgendwann kamen Leute aus ganz Deutschland persönlich bei ihm vorbei, um ihn zu beleidigen, Böller in seinen Garten oder Morddrohungen in seinen Briefkasten zu werfen. Ein „Hater“ stand 2016 vor Gericht. Eine interessante Geschichte, die die Probleme von Anonymität im Netz aufzeigt und wohin das führen kann. Wo ist die Grenze?

 

Die gesamte Vorlesung gibt es hier zu sehen:

 

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