Dass Plastikmüll die Umwelt belastet, ist schon seit langem bekannt. Aktuell steigt jedoch der Druck, nach Lösungen zu suchen. Dr. Martin Schlummer vom Fraunhofer Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung IVV sprach über das Recycling und stellte eine neue Methode vor. // von Marcel Zobel

Dr. Martin Schlummer zeigt: Der jährliche Abfall ist enorm. Foto: Marcel Randazzo

78 Millionen Tonnen Plastikmüll, das ist die Folge unseres Konsums in nur einem Jahr. „Plastikmüll ist schon lange ein Problem“, führte Martin Schlummer, Geschäftsfeldmanager für Recycling und Umwelt beim Fraunhofer IVV in seinen Vortrag ein, doch so richtig groß sei das Thema erst durch die zahlreichen Nachrichten und Diskussionen über den Plastikmüll in den Meeren geworden. Laut WWF gelangen etwa 32 Prozent aller Plastikabfälle in die Weltmeere. Dort werde es dann durch Abrieb allmählich zu Mikroplastik. „Wer in Deutschland über Plastik spricht, meint meistens Mikroplastik“, sagte Schlummer.

Die Recyclingquoten müssen erhöht werden

Schlummer begrüßt das neue Verpackungsgesetz, das höherer Recyclingquoten fordert und Anfang 2019 in Kraft getreten ist. In Deutschland würden aktuell nur zwei Prozent des Plastikmülls einem richtigen Recycling* zugeführt, sagte er und ergänzte: „Verpackungsrecycling ist noch immer keine Kreiswirtschaft.“ Einziges positives Beispiel sei „PET to PET“, was die Wiederverwertung von Plastikflaschen betreffe. Zwar gebe es auch schon erste Erfolge bei der Wiederverwertung des Kunststoffes Polyethylen, zum Beispiel bei Frosch-Produkten, aber Food-to-Non-Food-Anwendungen stellten immer noch ein Hindernis dar.

Mülltrennung ist das eine Problem…

Das Recycling von Plastik ist noch in den Kinderschuhen. Foto: Henry Hausmann

Warum wird aber nur so wenig Plastikmüll recycelt? Mülltrennung funktioniere nie vollständig, erklärte Schlummer. Schwarze sowie vielschichtige Kunststoffe, so genannte Multilayer, blieben unerkannt. Auch nicht getrennte Kombi-Verpackungen wie Joghurtbecher seien problematisch. Dieses Problem könne allerdings verhindert werden, indem der Verbraucher den Aluminiumdeckel vom Kunststoffbehälter löse. Besonders heikel sei beim Kunststoffrecycling der Geruch von Lebensmitteln, Kosmetik und Waschmitteln, der mit den herkömmlichen Methoden in vielen Fällen nicht beseitigt werden könne.

…Mischkunststoffe das andere

Mit der Trennung von Joghurtbecher und Deckel ist das Problem jedoch nicht gelöst. Immer mehr Verpackungen sind heute Mischkunststoffe, die sich allein durch Sortieren nicht trennen lassen. Bis zu neun verschiedene Schichten an Kunststoffen könne eine für den Laien ganz gewöhnlich aussehende Verpackung haben. Darunter befinde sich auch eine EVOH-Barrierefolie, welche den Sauerstoff von den Lebensmitteln fernhalte. „Oft sieht es nach nur einem Material aus – das ist es aber nicht“, weiß Schlummer. Vielschichtige Verpackungen hätten zwar zu deutlich dünneren und leichteren Verpackungen geführt, seien aber problematisch für Sortiermaschinen, denn diese hätten Probleme mit der Erkennung.

CreaSolv Verfahren trennt Kunststoffe

„Wir brauchen Verfahren, die in der Lage sind, mit Mischkunststoffen umzugehen“, forderte Schlummer und stellte das CreaSolv Verfahren vor, das am Fraunhofer IVV entwickelt wird und auf Lösungsmitteln basiert. Man können sich dieses Verfahren wie die Trennung von Sand und Zucker vorstellen, erklärte der IVV-Experte. Dafür gebe man zunächst Wasser in das Gemisch, um den Zucker darin zu lösen. Übrig bliebe der Sand. Dann trenne man den Zucker wieder vom Wasser und fertig sei der Trennungsprozess. Ganz ähnlich mache man es auch bei dem CreaSolv Verfahren, man setze auf chemische Prozesse anstelle von mechanischen Sortiermaschinen.

Das besondere Potential des Verfahrens liege in der Reinigung des Materials auf molekularer Ebene. Qualitätsbeeinflussende Störstoffe würden schonend und unter Erhalt der Kunststoffeigenschaften entfernt. Dies geschehe in drei Schritten. Zu Beginn werde der Zielkunststoff mit einem selektiven Lösemittel aufgelöst, wobei andere Bestandteile der Abfallfraktion ungelöst blieben. Im Anschluss trenne man alle Fremdstoffe aus der zuvor gewonnen Polymerlösung und schließlich fälle man den Zielkunststoff aus der gereinigten Polymerlösung aus.

„Ein Plastikverbot würde die Welt nicht retten“

Dr. Schummer steht den Studierenden Frage und Antwort. Foto: Johanna Schuh

Können wir nicht auf Plastik verzichten? Auch dieser Frage stellte sich Martin Schlummer. „Es gibt viele Gründe für die Verwendung von Kunststoffen bei der Herstellung von Verpackungen“, erklärte er. Kunststoff diene beispielsweise dem Produktschutz. Er biete zum einen Schutz vor Licht und zum anderen seien bestimmte Kunststoffverbindungen sehr undurchlässig für Sauerstoff, wodurch Nahrung eine längere Haltbarkeit bekomme. Darüber hinaus schütze er vor der Verunreinigung mit Keimen und gebe dem Produkt eine schönere Optik.

Dennoch fragte sich Schlummer, ob es wirklich sein müsse, dass man Wurst in Scheiben schneidet und mit Kunststoff verpackt, um sie zu verkaufen. Es genüge doch, die Wurst als Ganzes zu kaufen und sie bei Bedarf selbst aufzuschneiden. Wenn allerdings alles in Dosen verpackt wäre, verschlechtere sich die Ökobilanz sogar noch, da das Produkt schwerer und somit der Transport energieaufwändiger und teurer würde. „Ein Plastikverbot würde die Welt nicht retten“, prophezeite Schlummer. Die Zukunft läge in der Verpackungsoptimierung und natürlich dem Recycling.

*Recycling bedeutet, dass aus dem recyceltem Material wieder das Ausgangsprodukt entsteht, also zum Beispiel aus einer PET-Getränkeflasche wieder eine PET-Getränkeflasche. Die vergleichsweise hohe Verarbeitungsquote von Plastikmüll in Deutschland verschleiert, dass der Löwenanteil zu anderen Produkten oder thermisch verwertet, also verbrannt wird. Bei den anderen Produkten handelt es sich überwiegend um Produkte geringerer Qualität; man nennt diesen Prozess ‚Downgrading’.

Umfrage des Publikums während der Veranstaltung

Während der Veranstaltung wurden Umfragen mithilfe des Umfrage-Tools “Pingo” durchgeführt. Hier die Ergebnisse:

Screenshots & Umfrage: Noemi Kolloch

Nachfolgend eine Meinungen eines Studierenden zu der Veranstaltung:

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