Kein Thema bietet sich für Ethik-Debatten so gut an wie Corona, sagt Professor Joachim Fensterle von der Hochschule Rhein-Waal. Mit dem Vortrag „Impfstoffe und Impfung gegen Corona – Wer Wie, Was“ vermittelt er Grundlagen für die Diskussion ethischer Fragen. // Katharina Seuser

Wer nicht an die Existenz des Corona-Virus glaubt, für den sei ein Vortrag über Impfstoffe und Impfung uninteressant, ist Fensterle überzeugt. Allen Anderen habe ein bisschen Virologie noch nie geschadet. Wie wichtig Grundwissen ist, erklärt er am Beispiel der Medien-Berichterstattung über den Wissenschaftler Winfried Stöcker. Stöcker entwickelte einen sogenannten Protein-Impfstoff und testete ihn an sich selbst und seinem Team. Während der Spiegel Stöcker als verkanntes Genie und Kandidat für den Nobelpreis präsentierte, sprach ihm der SWR das Heldentum ab.

Wissenschaft kritisch hinterfragen

Bei den akutell eingesetzten Impfstoffen unterscheidet man zwischen RNA-
und Vektorimpfstoffen. Quelle: Unsplash

Fensterle hat zu Stöcker eine dezidierte Meinung: „Wenn er wirklich der Einzige wäre, der einen solchen Impfstoff entwickelt hätte, müsste man seiner Entdeckung nachgehen.“ Da aber mehrere Unternehmen den gleichen Ansatz verfolgten und zudem den etablierten Weg der unabhängigen Kontrollen einhalten würden, sei es schlichtweg falsch, den Ansatz von Stöcker als einzigartig zu bewerten. Zudem – so Fensterle – sei es unethisch, die eigenen Mitarbeiter mit dem Impfstoff zu testen. „Die Mitarbeiter wurden zwar nicht gezwungen, aber natürlich sind sie abhängig.“ Die Studierenden sehen das ähnlich: In einer Umfrage sind nur drei Prozent der Meinung, dass Stöcker ein Held sei. 68 Prozent entscheiden sich für „Naja – vielleicht ist ja etwas dran“ und 28 Prozent sprechen sich dafür aus, dass die Testung an Mitarbeitern bestraft gehöre.

 

Kein Wirkstoff gegen Corona

Um zu verstehen, wie eine Impfung funktioniert, erläutert Fensterle den Reproduktionszyklus von Viren. „Das Corona-Virus muss in eine Körperzelle gelangen, um sich vermehren zu können“, erklärt Fensterle. Dazu müsse das Virus mit einem seiner Rezeptoren auf der Virushülle andocken. In der Zelle würde das Virus sein Erbgut freisetzen, was dann mit Hilfe von Enzymen Viruseiweiß und somit die Bausteine für neue Viren bilden würde. „Wenn man die Molekularbiologie des Virus kennt, kann man Wirkstoffe entwickeln, die diese Vorgänge beeinflussen“, sagt Fensterle. Im Fall von Corona habe sich herausgestellt, dass bekannte Wirkstoffe, wie beispielsweise das Chloroquin, nicht wirken würde. Die Entwicklung neuer Wirkstoffe benötige jedoch mehrere Jahre – auch im Falle von Corona.

 

Antikörper und T-Zellen schützen vor der Infektion

Es ist nicht immer einfach, den Überblick über die verschiedenen Eigenschaften der Covid-19-Impfstoffe zu behalten. Derzeit sind in der EU die Impfstoffe von vier
Herstellern zugelassen: BioNTech/Pfizer, Moderna, AstraZeneca und Johnson & Johnson. Quelle: Unsplash

Antikörper würden vor einer Infektion schützen, weil sie das Eindringen in die Körperzelle verhindern. „Wenn ich Antikörper um das Virus herumpflastere, kann es nicht mehr andocken“, erklärt Fensterle. Das Problem sei allerdings, dass sehr viele Antikörper benötigt würden, um alle Rezeptoren der Viren zu binden und dass die Antikörper spezifisch auf das Virus zugeschnitten sein müssten. Bei einer normalen Infektion dauert es 14 Tage, bis es ausreichend Antikörper gibt, die Impfung beschleunige jedoch diesen Prozess. Wenn das Virus in die Zelle eingedrungen ist, können nur noch so genannte T-Zellen den Kampf gegen die Infektion fortsetzen: Sie erkennen die befallenen Zellen und töten sie ab.

Protein- und RNA-Impfstoffe wirken unterschiedlich

Langfristig rechnen Wissenschaftler:innen damit, dass sich das Coronavirus zu einer Art
Kinderkrankheit entwickeln wird, die in weiterer Zukunft nur noch milde Verläufe verursacht. Quelle: Unsplash

Bei den Impfstoffen werde nach Protein-Impfstoffen und RNA-Impfstoffen unterschieden. Bei Protein-Impfstoffen werden Eiweißbausteine des Virus verimpft, die die Körperabwehr stimulieren, Antikörper zu bilden. Bei RNA-Impfstoffen werden Fragmente von Virus-Erbgut injiziert. Sie aktivieren insbesondere die Bildung von T-Zellen. Insgesamt hält Fensterle alle in Deutschland zugelassenen Impfstoffe für gut, aber er hat einen Favorit: „Mit 95 Prozent Wirksamkeit ist Biontec wahnsinnig gut.“ Fensterle hält allerdings eine Kombination aus beiden Impfstoff-Typen für besonders wirksam, weil dann sozusagen beide Säulen der körpereigenen Abwehr stimuliert würden: „Ich würde wetten, dass die Immunisierung besser bei Erstimpfung mit Astra Zeneca und zweiter Impfung mit Biontec ist.“

Trotz Risiko große Impfbereitschaft

Die Impf-Risiken sind laut Fensterle geringer als die Vorteile. „Allergische Reaktionen kann es immer geben, aber sie treten normalerweise sofort ein.“ Das sei der Grund, weshalb man nach der Impfung noch eine Viertelstunde in der Arztpraxis warten solle. Die Sinus-Venen-Thrombose, die insbesondere bei jüngeren Personen aufgetreten sei und tödlich verlaufen könne, ist seiner Meinung nach eine seltene Autoimmunantwort. Dennoch werfe sie die Frage auf, ob es ethisch verantwortbar sein, den Impfstoff Atsra Zeneca für Jugendliche zu verwenden – obwohl es doch andere Impfstoffe gebe. Die Befragung der Studierenden zeigte, dass 80 Prozent bereit seien, sich dennoch mit Astra Zeneca impfen zu lassen.

Unterschiedliche Meinungen zur Priorisierung

Das Zusammenspiel aus niedrigem Infektionsgeschehen, hohem Impftempo und einer gerechten weltweiten Verteilung der Impfstoffe kann das Risiko einer Mutationsbildung senken
und neue Infektionswellen rechzeitig eindämmen. Quelle: Pixabay

Bei der Frage, ob Jugendliche die gleiche Impfpriorität wie Erwachsene mit hohem BMI haben sollten, scheiden sich die Geister. Hintergrund ist, dass Erwachsene über 40 Jahre, die einen Body-Mass-Index über 30 haben und somit übergewichtig sind, automatisch der Priorisierungsgruppe 3 zugeordnet werden. Sie haben somit eher Zugang zu Impfstoffen als Jugendliche. Diese Priorisierung müsse laut Fensterle hinterfragt werden, weil Jugendliche am meisten unter den Einschränkungen der Pandemie leiden würden und zudem auch immer häufiger von Long Covid betroffen seien. Etwa die Hälfte sprach sich für und die andere Hälfte gegen die Priorisierung aus – hier zeigt sich, wie wichtig es ist, solche Fragen zu diskutieren.

 

 

 

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Die gesamte Vorlesung gibt es hier zu sehen:

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