Konsumieren wir nachhaltig in unserem Alltag? Welche ethischen Aspekte beinhaltet ein nachhaltiger Konsum? Diesen Fragen ging die Konsumforscherin Gabriele Naderer in ihrem Gastvortag auf den Grund. Ihr Fazit: Unser Anspruch und Handeln passen nicht zu einander. Aber sie stellte auch Lösungen vor. // von Sebastian Müller und Cengizhan Cokbilen

 „Wie wichtig ist es Ihnen persönlich, möglichst nachhaltig zu konsumieren?“ Diese Frage stellte Naderer den Studierenden zum Einstieg in den Vortrag „Nachhaltiger Konsum – Mehr Schein als Sein?“ Die Konsumforscherin wollte darauf hinaus, dass der tatsächliche Konsum vom geäußerten Konsumverhalten oft abweicht. Auf einer Skala von 1 bis 10 stuften sich die meisten im Mittelfeld ein. Naderer dankte den Studierenden für ihre Offenheit: „Konsequent nachhaltig zu sein ist ein Bedürfnis, aber es gibt auch andere Bedürfnisse und Zielkonflikte.“ Dennoch gibt es der Psychologin und Konsumforscherin zufolge Lösungen. Sie ist überzeugt, dass mit Kommunikation, positiven Botschaften und zu den Bedürfnissen der Menschen passenden Angeboten Konsum nachhaltiger werden kann.

 

 

Konsum birgt Zielkonflikte

Nachhaltiger Konsum bedeute, dass die heutigen und künftigen Generationen ihre Bedürfnisse erfüllen können. Das ist bereits laut Naderer ein Zielkonflikt: An erster Stelle stehe immer die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und deshalb könne das Ziel, auf die Bedürfnisse künftiger Generationen Rücksicht zu nehmen, nicht im vollen Umfang erreicht werden kann. „Das Verhalten spiegelt nicht das Anspruchsniveau wider, das wir äußern“, sagte Naderer und stellte Zahlen und Fakten aus verschiedenen Studien vor. Sie ging auf den Fleischkonsum der Deutschen ein und dass 51% der Fleischkonsument*innen, die im Discounter einkaufen, Massentierhaltung ablehnen. Trotzdem kaufen sie Produkte aus diesem Haltungssystem.

Amazons Gewinne steigen, der Verpackungsmüll auch

Bild: Lucille Klarenaar

Als nächstes Thema sprach Naderer das große Themenfeld „Verpackungsmüll“ an. Sie stellte eine Studie vor, nach der 60 Prozent der Deutschen ihren eigenen Verpackungsmüll verringern wollen, dieser aber dennoch mittlerweile auf 74 Kilogramm pro Kopf und Jahr gestiegen ist. Dies sei vor allem dem Anstieg des Online-Handels geschuldet. Auch die Zahl der Retouren würde zunehmen: Allein jede siebte Bestellung würde wieder als Retoure zurückgeschickt werden und somit die Umwelt zusätzlich belasten. Nach Ergebnissen einer Studie zu Einkäufen in Drogeriemärkten, in der Warenkörbe untersucht wurden, würden lediglich zehn Prozent der Produkte Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Warum handeln wir anders, als wir uns äußern? „In der Psychologie geht es nicht darum, das Verhalten zu bewerten, sondern es zu verstehen“, sagt Naderer. Forschung gibt auch hier Antworten.

Bildauszug aus dem Vortrag von Gabriele Naderer

Erklärungen für den Say-Do-Gap

Bild: Lucille Klarenaar

Für die Diskrepanz zwischen dem was wir sagen und dem was wir tun, gibt es in der Psychologie viele Begriffe, Say-Do-Gap oder Attitude-Behaviour-Gap sind Beispiele. In einer Studie zur Akzeptanz von Elektromobilität wurde untersucht, wie wichtig nachhaltige Mobilität ist. Ein Ergebnis war, dass Freunde, Familie und Gesundheit für die Probanden wichtiger als umweltfreundliche Mobilität und somit die Priorität einfach nicht hoch genug ist. Weitere Gründe sind laut Naderer die mangelnde Kompetenz und Unsicherheit: „Konsument*innen fürchten Transparenz eher als sie zu wollen“, erklärte sie. Sich gut zu informieren, sei anstrengend und so brachte es Naderer auf den Punkt: „Wir sind zu bequem, uns die Kompetenzen anzueignen.“

Heuristiken ermöglichen Greenwashing

Ein ähnlicher Erklärungsansatz ist die Nutzung von einfachen Problemlösungsansätzen, sogenannten Heuristiken. „Wir blenden gezielt Informationen aus, wir suchen nicht nach mehr Informationen“, sagte Naderer. Dies sei menschlich, weil wir bei einer Fülle an Informationen ständig Entscheidungen treffen müssten. „Jeder Mensch trifft täglich 20.000 Entscheidungen, da ist es völlig normal, dass wir nach Strategien suchen, unsere Handlungen zu vereinfachen.“ Weit verbreitet seien die Konsensheuristik, bei der sich Menschen an dem orientieren, was alle machen. Auch die Expertenheuristik sei verbreitet: Hier orientieren sich die Menschen an Expert*innen, Siegeln oder Marken. Das Problem sei, dass Verantwortung delegiert und Greenwashing ermöglicht werde.

Nudging und positive Botschaften sind wichtig

Bild: Louisa Trinks

Auch der Zweifel an der Selbstwirksamkeit hemmt nachhaltigen Konsum: „Wenn wir das Gefühl haben, nichts erreichen zu können, sind wir nicht motiviert, etwas zu tun“, sagte Naderer. Umso wichtiger sei es, die Menschen beim nachhaltigen Konsum zu unterstützen. In diesem Zusammenhang zitierte Naderer frei nach Professor Nassehi: „Nicht die Lebenstile der Konsument*innen müssen sich anpassen, sondern der nachhaltige Konsum muss in das Leben der Konsument*innen passen.“ Die Kommunikation müsse verbessert werden, damit Unternehmen entsprechende Produkte anbieten würden. Eine nicht zu hohe Zahl verständlicher Siegel könnte Entscheidungsprozesse vereinfachen. Und last not least sei es wichtig, zu belohnen anstatt zu bestrafen: „Menschen wollen positive Botschaften, Lob und Anerkennung für ihr Verhalten“, sagte die Psychologin. Furchtappelle seien wenig nachhaltig.

 

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Die gesamte Vorlesung gibt es hier zu sehen:

 

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