Katastrophen haben die Menschen schon immer begleitet. Doch was ist Sicherheit und wovor haben wir Angst? Wieviel sind wir bereit, in Resilienz zu investieren? Diese Fragen stellte Michael Lauster in seinem Vortrag zur Wahrnehmung von Sicherheit und der Bedeutung des Bevölkerungsschutzes. // von Maren Mandy Deppe

Michael Lauster zufolge gibt es keinen Maßstab für Sicherheit, Risiko und Gefahr. Allein für den Begriff Sicherheit gebe es über 63 verschiedene Definitionen. Sicherheit ist eben kein absoluter, sondern eher ein subjektiver Begriff mit vielen Facetten. „Unser Sicherheitsgefühl ist rein subjektiv und sozio-kulturell beeinflusst“, unterstrich er. Deshalb sei es wichtig, sich mit den Begriffen auseinanderzusetzen: „Wir müssen uns über ein Vokabular einigen, bevor wir reden.“

 

 

Safety und Security beschreiben Sicherheit

Auch dieser Vortrag wurde von den Studierenden aufgezeichnet. Bild: Sophie Pfeffer

In der Sicherheitsforschung und -technologie stützt sich Sicherheit grundlegend auf die zwei Begriffe „Safety“ und „Security“. Safety bezeichnete Lauster als „Spiel gegen den Zufall“. Schadensereignisse könnte durch Fahrlässigkeit verursacht werden wie beispielsweise die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl oder durch Naturereignisse wie der GAU in Fukushima. Security beschrieb Lauster als „das Spiel gegen die Absicht“. Hier sei die Katastrophe menschengemacht wie beispielsweise der von Putin angezettelte Krieg. Zerstörung könne also auch Mittel zum Zweck sein.

Die Wahrnehmung von Gefahr und Risiko ist kulturell geprägt

Prof. Lauster hat seinen Vortrag mit topaktuellen Beispielen versehen. Bild: Sophie Pfeffer

Der zur Sicherheit komplementäre Begriff ist Gefahr. „Die Idee, dass etwas eine Gefahr ist, hängt mit unserer Kultur zusammen.“ Somit sei das Empfinden einer Gefahr oder eines Risikos subjektiv und besitze keinen absoluten Maßstab. Die Begriffe Gefahr und Risiko müssen jedoch voneinander abgegrenzt werden. Während bei Gefahr von einer Bedrohung durch ein zukünftiges Ereignis gesprochen wird, bezeichnet Risiko die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ereignis eine negative Wirkung mit Schaden haben könne. „Wir sind sehr manipulierbar, wenn es um die Wahrnehmung von Risiko geht“, sagte Lauster. Risikoeinschätzungen würden sich auch von Jahr zu Jahr ändern, sie seien häufig davon abhängig „was gerade en vogue ist“.

Sicherheitsforschung gehört zur Zukunftsforschung

An dieser Stelle kommt die Sicherheitsforschung als Teil der Zukunftsforschung ins Spiel. Es sei nicht ausreichend, Technologieentwicklung zu prognostizieren, sondern es sei notwendig, auch deren Auswirkungen und Gefahren abzuschätzen. Michael Lauster nahm Künstliche Intelligenz als Beispiel: „Wie fänden Sie es, wenn ein Algorithmus über Ihre medizinische Behandlung entscheidet?“, fragte er das Auditorium. Auch das Beispiel der Triage sprach er an und damit letztendlich die Frage, wem geholfen wird zu überleben und wem nicht. Über diese Fragen müsse man nachdenken, denn die Zukunft wird vom Menschen gestaltet. Lauster formulierte die seiner Meinung nach wichtigste Hypothese der Zukunftsforschung: „Die Zukunft ist für uns verfügbar.“ Früher seien die Menschen dagegen der Meinung gewesen, dass Zukunft festgelegt sei.

Eine Theorie der Sicherheit könnte auch das Sicherheitsgefühl erhöhen 

Bild: Sophie Pfeffer

„Was uns schlicht und weg noch fehlt ist eine quantifizierte Theorie der Sicherheit“, sagte Lauster. Er stellte einen selbst entwickelten Ansatz vor, bei dem der Begriff der Resilienz zentral ist. Resilienz sei demnach die Fähigkeit eines Systems nach einer Störung wieder zu seinem Ausgangszustand zurückzukehren. Dabei ginge es bei offenen, komplexen Systemen nicht um Gleichgewichtszustände, sondern um Struktur. Dieses Prinzip müsste Lauster zufolge auf das Gemeinwesen übertragbar sein und er fragte: „Kann man materielle Zu- und Abflüsse einer Gesellschaft so charakterisieren, dass sie Chancen und Risiken beschreiben? Könnte beispielsweise das, was beim Erhitzen von Öl die Temperatur ist, beim Gemeinwesen das Investitionsniveau sein?“

Sicher sei, dass ein System auf einer höheren Leistungsstufe durch Krisen belastet wird. Wenn es innerhalb des Resilienzbereichs bleibt, erholt es sich wieder und lernt vielleicht etwas für die Zukunft. Wichtig sei es, den Zusammenbruch zu verhindern. „Ein System braucht auch ohne Krise einen Resilienzbereich“, sagte Lauster. Seiner Meinung nach könnte ein resilientes System auch das Sicherheitsgefühl der Menschen erhöhen.

Warn-Apps können den Bevölkerungsschutz verbessern

Bei der anschließenden Diskussion thematisierten die Studierenden den Einsatz von Warn-Apps und autonomen Drohnen für den Bevölkerungsschutz. Michael Lauster hält den Einsatz dieser Technologien für hilfreich: „Es ist sinnvoll, Warn-Apps zu standardisieren und es sollten so viele Hilfsmittel wie nötig verwendet werden, um möglichst viele Situationen abdecken zu können.“ Zu beachten sei allerdings eine deutlich bessere Risikoeinschätzung und Kommunikation wie bisher, sowie die Klärung von rechtlichen Fragen zu Drohnen und Satelliten. Abschließend riet er den Studierenden, nicht alle Risiken als Katastrophe zu bewerten, sie gehörten zum Leben. Und er gab den Tipp seines Freunds Albrecht Broemme vom Technischen Hilfswerk THW weiter: „Seien Sie vorbereitet und genießen Sie die Zeit zwischen den Krisen!“

 

 

Interessante Links:

  • https://www.weforum.org/reports/global-risks-report-2022Laut dem Global Risks Report 2022 des World Economic Forum (WEF) beziehen sich die größten langfristigen Risiken auf das Klima, während die größten kurzfristigen globalen Bedenken die Spaltung der Gesellschaft, Existenzkrisen und die Verschlechterung der psychischen Gesundheit betreffen.
  • https://www.bmbf.de/SharedDocs/Publikationen/de/bmbf/5/30700_Forschung_fuer_die_zivile_Sicherheit_2018-2023.pdf?__blob=publicationFile&v=4Das aktuelle Programm „Forschung für die zivile Sicherheit 2018 – 2023“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung BMBF beschäftigt sich unter anderem mit den Chancen und Potenzialen, die mit der Digitalisierung und künstlichen Intelligenz einhergehen. So sollen zukünftig in Krisenlagen, wie etwa bei Naturkatastrophen oder großen Industrieunfällen, intelligente Roboterfahrzeuge selbstständig in Bereiche vordringen, die für Rettungskräfte bisher nicht erreichbar oder zu gefährlich sind.
  • https://www.basf.com/global/de/media/magazine/issue-7/wrong-kind-of-fear.html
    Artikel auf der Webseite des Chemieunternehmens BASF: Risikowahrnehmung ist auch immer vom Kontext abhängig. Den Menschen fällt es schwer, Risiken richtig einzuordnen. Ihre gefühlte Angst weicht deutlich von der Realität ab, die sich mit Zahlen und Statistiken nachweisen lässt. Das liegt daran, dass die meisten Risikoanalysen im täglichen Leben unter anderem von Gefühlen geleitet sind.
  • https://www.bbk.bund.de/DE/Warnung-Vorsorge/Warnung-in-Deutschland/Warnmittel/Cell-Broadcast/cell-broadcast_node.htmlInformation des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe BBK: Neben der Installation von Sirenen soll auch Cell Broadcasting, ein neues Warnsystem über Textnachricht, für den Bevölkerungsschutz in Frage kommen. Cell Broadcast kann genutzt werden, um Warnmeldungen an alle in einem bestimmten Abschnitt des Mobilfunknetzes befindlichen Mobilfunkendgeräte zu versenden. Auf diese Weise erhalten alle potenziell von einem Gefahrenereignis betroffenen Personen die Warnmeldung.

 

Die gesamte Vorlesung gibt es hier zu sehen:

 

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