Wie entwickeln Wissenschaftler Szenarien und Prognosen für die Zukunft der Mobilität? Antworten gibt Dr. Christian Winkler vom DLR-Institut für Verkehrsforschung. Und er stellt die Ergebnisse einer mehrjährigen multi-disziplinären Studie vor. Sein Fazit: Klimaschutz ist möglich, aber es bleibt viel zu tun. // von Pascal Jobst

Wie man in die Zukunft blickt, mit welchen Ansätzen und welchen Szenarien, das möchte Christian Winkler in seinem Vortrag vermitteln. Prognosen für die Zukunft der Mobilität zu entwickeln, sei ein wesentlicher Teil seiner Arbeit. Die Auswirkungen des Verkehrs auf das Klima sieht er wegen der CO2-Emissionen kritisch: „2010 hat allein der bodengebundene Verkehr in Deutschland einen Anteil von einem Prozent an den weltweit verursachten CO2-Emissionen ausgemacht. Das finde ich ziemlich viel.“ Er ist überzeugt, dass in Deutschland eine deutliche Reduktion der Emissionen möglich ist, aber dafür gebe es viel zu tun. „Nur eine Förderung des öffentlichen Verkehrs oder nur eine Bepreisung von CO2 reicht nicht aus, wir brauchen einen Mix von Maßnahmen“, sagt er. Auch die Automatisierung sei ohne neue Konzepte keine Lösung.

 

Von der Storyline zum mathematischen Modell

Wie kommen die Wissenschaftler aber zu diesen Erkenntnissen? Christian Winkler beschreibt den Forschungsprozess am Beispiel des mehrjährigen Projekts Verkehrsentwicklung und Umwelt VEU, an dem mehr als 50 Wissenschaftler mitgearbeitet haben. Das Projekt sollte die Fragen beantworten, welche Verkehrsentwicklungen möglich seien und welche Folgen sie für das Klima haben. Zunächst betrachteten die Wissenschaftler Rahmenbedingungen für Mobilität wie beispielsweise die gesellschaftliche Entwicklung, die zur Verfügung stehende Technologie, und die Einstellung der Gesellschaft zu Umweltschutz. Mit Unterstützung von Experten wurden Indikatoren und in einem qualitativen Ansatz Storylines für verschiedene Szenarien entwickelt. Anschließend überführten die Wissenschaftler die qualitativen Szenarien in quantitative Modelle, die eine Berechnung der jeweiligen Auswirkungen auf den CO2-Ausstoß ermöglichten.

Nur der „geregelte Ruck“ führt zum Ziel

Ein negativer Effekt des Verkehrs ist der Ausstoß von CO2, welches u. a. eine große Rolle bei der Erwärmung der Atmosphäre spielt. (Bild: Pixabay)

Ein „Referenzszenario“, der „geregelter Ruck“ sowie das „freie Spiel“ sind die Namen der drei Szenarien, die die DLR-Wissenschaftler entwickelten. „Nur beim „geregelten Ruck“ sinken die CO2-Emission sehr stark“, resümiert Christian Winkler. Dieses Szenario würde eintreten, wenn im Bereich des Umwelt- und Klimaschutz auf internationaler Ebene kooperiert, Autofahren deutlich unattraktiver und der öffentliche Verkehr stark gefördert würde. Trotz dieser Veränderungen würden die Klimaziele für 2030* erst 2040 erreicht. Christian Winkler gab auch zu bedenken, dass es selbst bei Erreichen des Klimaziels nur zu einer Verlangsamung des Temperaturanstiegs käme. „Das liegt daran, dass CO2 seine Wirkung in der Atmosphäre erst mit Zeitverzug entfaltet“, erklärt der Verkehrsforscher. Wenn der Anstieg der Temperatur nicht nur verlangsamt, sondern sogar ein Rückgang erreicht werden sollte, müsste der CO2-Ausstoß so schnell wie möglich vollständig gestoppt werden.

„Der Straßenverkehr wird zunehmen“

Winkler erklärt: „In Deutschland besitzen wir rund 550 Pkws pro eintausend Einwohner.“ (Bild: Pixabay)

Das Referenzszenario schreibt die aktuelle Situation fort und führt damit zu einer deutlich geringeren CO2-Einsparung. Beim „freien Spiel“ unterstellen die Wissenschaftler, dass es keinerlei internationale Zusammenarbeit gibt und dass jeder nur das macht, was er will. Bei diesem Szenario fällt die Klimabilanz erwartungsgemäß am schlechtesten aus und da dies nicht gewollt sei, käme das „freie Spiel“ nicht in Betracht. Überraschend ist eine Gemeinsamkeit der beiden anderen Szenarien: „Ob Referenzszenario oder geregelter Ruck, bei beiden wird es künftig mehr Verkehr auf den Straßen geben.“ Beim Referenzszenario wird der Pkw weiterhin dominieren und die Zahl der Personenkilometer wird von derzeit 923 Milliarden auf 1,015 Billionen in 2040 steigen. Beim geregelten Ruck geht zwar der Pkw-Verkehr zurück, aber der Güterverkehr steigt stark an, was letztlich eine Folge der positiven Wirtschaftsentwicklung sei. Lkw wären beim geregelten Ruck allerdings klimafreundlicher unterwegs, da von einer Zunahme der Elektroantriebe und dem Ausbau einer Oberleitungsinfrastruktur ausgegangen würde. Bemerkenswert sei, dass der Bahnverkehr beim geregelten Ruck im Vergleich mit der aktuellen Situation um 92 Prozent ansteigen würde. Dazu müsse das Schienennetz umfassend ausgebaut werden, merkt Christian Winkler an.

Automatisierung ist kein Gamechanger

Bei der Studie wurde Automatisierung nicht berücksichtigt – kann sie die CO2-Emissionen im Verkehrssektor noch stärker reduzieren? Christian Winkler sieht das eher skeptisch: „Automatisierung kann nur dann die CO2-Emissionen senken, wenn die Rahmenbedingungen und die Regulierung entsprechend ausgerichtet werden.“ Wenn zum Beispiel ein Robotaxi Bahnfahrer zum Bahnhof bringen würde, könnte dies die Attraktivität des Bahnfahrens erhöhen. Wenn automatisiertes Fahren jedoch das Autofahren einfacher und bequemer machen würde, könnte dies dazu führen, dass Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel auf Autos umsteigen. Christian Winkler spricht in diesem Zusammenhang den Kohorteneffekt einer älter werdenden Gesellschaft an: „Vom automatisierten Pkw könnte eine steigende Anzahl mobilitätseingeschränkter Menschen profitieren.“ Auch das könnte zu einer Verlagerung von Bus und Bahn auf das Auto führen – mit negativen Folgen für das Klima.

Maßnahmenmix ist notwendig

„Es gibt nicht eine einzige Maßnahme für die Zukunft, sondern es wird ein Maßnahmen-Mix sein”, so Winkler. (Bild: Pixabay)

Von allen derzeit als möglich angesehenen Szenarien führt der geregelte Ruck zu den größten CO2-Einsparungen. Letztere sind zu einem Viertel Vermeidung und Verlagerung von Mobilität zuzuschreiben, beispielsweise durch die Verlagerung vom Auto auf die Bahn. Zu zwei Dritteln sind die Einsparungen Folgen neuerer effizienterer Technologien, wie beispielsweise Elektroantriebe, Brennstoffzellen und Oberleitungssysteme. „Eine deutliche Reduktion der CO2-Emissionen ist machbar, aber es bleibt viel zu tun“, resümiert Christian Winkler. Nicht Einzelmaßnamen, sondern ein Maßnahmenmix sei notwendig: „Der öffentliche Verkehr muss ausgebaut werden, es muss elektrifiziert werden, die CO2-Grenzwerte müssen gesenkt werden, Fahrzeuge müssen kleiner werden, der Radverkehr muss gestärkt werden …“ Für die Politik gibt es zu guter Letzt noch ein Lob: Im Klimaschutzprogramm stecke viel Gutes drin, wenn das alles umgesetzt werde, könne Klimaschutz gelingen.

* Die Treibhausgasemissionen des Verkehrs sollen bis 2030 im Vergleich zu 1990 um 42 Prozent sinken. Das Ziel ist es demnach, die CO2-Emissionen auf 95 Millionen Tonnen zu reduzieren. 2019 emittierte der Verkehrssektor in Deutschland 163 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente. Quelle: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit BMU (2020): Klimaschutz in Zahlen. Fakten, Trends und Impulse deutscher Klimapolitik, Ausgabe 2020. Download unter www.bmu.de/Publikationen

Die gesamte Vorlesung gibt es hier zum nachschauen:

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